Publizistikwissenschaft

Aus Meinungsklima

Wechseln zu: Navigation, Suche

Publizistikwissenschaft (hier synonym gebraucht mit dem Begriff Kommunikationswissenschaft) kann definiert werden als eine Sozialwissenschaft, die sich mit menschlichem Handeln und der daraus resultierenden sozialen Wirklichkeit befaßt (Kunczik/Zipfel 2001: 19); ihr besonderes Interesse gilt dabei der Kommunikation. Kommunikation kann aufgefaßt werden als "Verhalten, das aus der Sichtweise des Kommunikators ein Übertragen von Botschaften mittels Symbolen an eine oder mehrere andere Personen zum Ziel hat" (Kunczik/Zipfel 2001: 29).

In der Selbstverständniserklärung des Fachverbades DGPuK (Deutsche Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft) heißt es zum Kerninteresse des Faches: "Im Zentrum des Fachs steht die indirekte, durch Massenmedien vermittelte, öffentliche Kommunikation."

Tatsächlich erforschen Publizistik- und Kommunikationswissenschaftler hauptsächlich Massenmedien im weitesten Sinne (inwieweit Internetdienste und bestimmte Multimedia-Anwendungen zu den Massenmedien gezählt werden, ist umstritten).

Inhaltsverzeichnis

Hauptforschungsbereiche

Man kann nicht einfach und direkt die Massenmedien erforschen, der Publizistikwissenschaft geht vielmehr um die Massenmedien im Zusammenhang mit menschlichem Handeln und die daraus resultierende soziale Wirklichkeit (um auf die oben zitierte Definition zurückzukommen).

Die Publizistikwissenschaft widmet sich mehreren Haupt-Forschungsbereichen (siehe auch, allerdings etwas anders gegliedert: Kunczik/Zipfel 2001: 18 f):

  • Struktur und Organisation der (Massen-)Medien (Medienforschung). Wie sind Zeitungen und Zeitschriften, Rundfunkanbieter und neuerdings auch Internet-Anbieter organisiert, gegliedert und verflochten? Zu diesem Bereich kann man auch Medienwirtschaft und Medienrecht zählen.
  • Kommunikatorforschung. Was sind das für Leute, die 'Kommunikator' (zumeist Journalisten) werden? Welche Meinungen und Einstellungen haben Kommunikatoren, wie arbeiten Sie, welche Faktoren nehmen Einfluß auf ihre Arbeit? Die Nachrichtenauswahlforschung ist ein wichtiger Bereich der Kommunikatorforschung, aber auch die Redaktionsforschung (z.B. Esser 1998).
  • Nutzer- und Nutzungsforschung (Rezipientenforschung). Was sind das für Leute, die Medien nutzen? Welche Motive haben sie, medien zu nutzen? Was bringt ihnen, was haben sie von der Mediennutzung? Wie aktiv, wie bewußt und wie kritisch gehen sie mit den verschiedenen Medieninhalten um. Wie werden bestimmte Inhalte (z.B. Kommentare in der FAZ oder Pop-Sender im Hörfunk etc.) genutzt? Durch die neuen Kommunikationsmodi des Internet (z.B. E-Mail, WWW, Chat, Streaming), die sich der Nutzer in der Regel selbst zusammenstellen muß ('Pull-Medium') hat die Nutzungsforschung neuen Auftrieb bekommen.
  • Medienwirkungsforschung. Die Erforschung der Medienwirkungen ist einer der wichtigsten Bereiche der Publizistik- bzw. Kommunikationswissenschaft. Wie wirken welche Medien und ihre Inhalte unter welchen Bedingungen auf welche Nutzer (bzw. indirekt auch auf Nicht-Nutzer oder die ganze Gesellschaft)? Wichtige Teilbereiche der Medienwirkungsforschung sind die Persuasionsforschung, der Agenda-Setting-Ansatz, die Theorie der öffentlichen Meinung (Schweigespirale), die Kultivierungsthese, die Medien-und-Gewalt-Forschung sowie die Wissenskluft-Forschung. Ein wichtiges und beliebtes deutschsprachiges Lehrbuch, das nahezu die gesamte Medienwirkungsforschung detailliert erklärt, ist Schenk, Michael (2002): Medienwirkungsforschung [2. Auflage]. Tübingen: Mohr.
  • Aussagenforschung. Für die Untersuchung der oben genannten Bereiche ist vielfach auch eine Analyse der Medieninhalte notwendig. Faßt man diesen Bereich als eigenes Forschungsfeld auf, wird es mit Aussagenforschung oder Inhaltsforschung bezeichnet.

Manche Forschungsfelder umfassen mehrere Forschungsbereiche der Publizistikwissenschaft. Bei der Risikokommunikation beispielsweise geht es darum, wie die Kommunikatoren Risiken darstellen, wie Medienberichte über Risiken genutzt werden und wie sie auf die Risikoeinschätzung der Bevölkerung wirken können.

Methoden der Publizistikwissenschaft

Verbreitet findet man die Unterscheidung von Medienwissenschaft und Kommunikationswissenschaft (kritisch zu dieser Begriffsunterscheidung: Kunczik/Zipfel 2001: 17). Die Medienwissenschaft arbeitet eher historisch-hermeneutisch, klassisch geisteswissenschaftlich und kulturwissenschaftlich, während die Kommunikationswissenschaft eher sozialwissenschaftlich-empirisch ausgerichtet ist. Gleichwohl nutzen auch Publizistik- und Kommunikationswissenschaftler hermeneutische, geisteswissenschaftliche Verfahren für ihre Arbeit. Ein grober Überblick über die Methoden der Publizistikwissenschaft sieht folgendermaßen aus:

  1. Hermeneutische, geisteswissenschaftliche Methoden. Beispiele: Interpretation philosophischer oder belletristischer Literatur unter dem Blickwinkel der Theorie der öffentlichen Meinung mit dem Ziel, die Texte besser zu verstehen und neue Anregungen für die Weiterentwicklung der Theorie zu gewinnen; Auslegung historischer Quellen zur Mediengeschichte. Hermeneutischen Methoden geht es um das Verstehen (meist das Verstehen von Texten aller Art).
  2. Qualitative empirische Methoden. Empirische Methoden sind solche, die für das Entdecken, Beschreiben und Erklären von Strukturen der Wirklichkeit eingesetzt werden. Qualitativen Methoden geht es dabei vor allem um das Verstehen von Zusammenhängen durch die intensive Analyse von Einzelfällen oder wenigen Fällen. Typische Qualitative Methoden sind Tiefeninterviews (Ring 1992) und qualitative Inhaltsanalysen, bei denen wenige Gegenstände exemplarisch untersucht werden. Ein wichtiges Ziel qualitativer Forschung ist die Bildung und beschreibung von (Ideal-)Typen und Typologien (z.B. typischer Journalisten-Karrieren).
  3. Quantitative empirische Methoden. Mit Hilfe quantitativer Methoden wird versucht, zu quantifizierbaren Aussagen über die Wirklichkeit zu kommen (z.B.: wie stark ist die Wirkung von Wahlwerbespots auf das Wahlergebnis?). Im Idealfall soll die quantitative Forschung nomothetisch sein, das heißt, Gesetzmäßigkeiten bechreiben und erklären. Quantitative Forschung arbeitet meist mit größeren Fallzahlen, wobei der einzelne Fall nicht mehr im Mittelpunkt steht und nicht so intensiv analysiert wird wie bei qualitativen Vorgehensweisen. Die Analyse erfolgt in der Regel mit Hilfe mathematisch-statistischer Auswertungen.

Die vier wichtigsten Gruppen quantitativ-empirischer Methoden in der Publizistikwissenschaft sind:

  • Repräsentative Umfragen. Mit ihrer Hilfe kann z.B. etwas über die Nutzung und die Nutzer von Internetangeboten herausgefunden werden; oder über Nutzung und Wirkung von Wahlwerbung im Fernsehen oder über den Zusammenhang zwischen Umweltbewußtsein und dem Kauf bestimmter Putzmittel.
  • Quantitative Inhaltsanalysen. Hier werden die Eigenschaften von Kommunikationsgegenständen (z.B. Aussagen in Kommentaren, Zeitungsmeldungen, Fernsehberichten, WWW-Seiten, Usenet-Beiträgen) erfaßt, verschlüselt und für die Auswertung mit dem Computer vorbereitet. Bei quantitativen Inhaltsanalysen ist die Basis der Analyse nicht mehr der einzelne Inhalt (der nun eigentlich niemanden mehr interessiert), sondern die Gesamtheit von bestimmten Eigenschaften von Kommunikationsinhalten in vielen Hunderten bis Tausenden Fällen.
  • Sozialwissenschaftliche Experimente. Bei Experimenten werden bestimmte Situationen vom Forscher manipuliert um den Einfluß einzelner Faktoren (Variablen) isolieren zu können (z.B.wird die Reihenfolge von Argumenten manipuliert, um herauszufinden, welchen Einfluß die Reihenfolge auf das Behalten oder die Überzeugungskraft von Argumenten hat). Experimente (ausgenommen: Fragebogenexperimente in repräsentativen Umfragen) kommen meistens mit relativ wenigen Versuchspersonen aus; für die Datenerhebung werden meist Techniken aus der Umfrageforschung eingesetzt.
  • Beobachtung. Bei der wissenschaftlichen Beobachtung werden die Untersuchungsobjekte verdeckt oder offen, teilnehmend oder von außen beobachtet und ihr Verhalten mehr oder weniger strukturiert protokolliert. Die teilnehmende (offene) Beobachtung ist ein wichtiges Instrument der Redaktionsforschung (Esser 1998), kann aber auch zur Erfassung des Verhaltens von Mediennutzern verwendet werden. In der Online-Forschung wird die automatisierte Beobachtung des Nutzerverhaltens durch Logfiles angewendet.

Literatur zum Text

  • Esser, Frank (1998): Die Kräfte hinter den Schlagzeilen. Freiburg, München: Alber.
  • Kunczik, Michael / Zipfel, Astrid (2001): Publizistik. Köln, Weimar, Wien: Böhlau.
  • Ring, Erp (1992): Signale der Gesellschaft. Psychologische Diagnostik in der Umfrageforschung. Göttingen, Stuttgart: Verlag für angewandte Psychologie.
  • Schenk, Michael (2002): Medienwirkungsforschung [2. Auflage]. Tübingen: Mohr.

Weblink

Persönliche Werkzeuge